Fernreisen in Zeiten des Klimawandels – Geht das überhaupt noch?

Fernreisen in Zeiten des Klimawandels

Bevor ihr anfangt zu lesen, muss ich mich gleich mal entschuldigen. Ihr seid NICHT persönlich gemeint. Oder vielleicht doch? Ehrlich gesagt bin ich sogar höchst SELBST gemeint. Meine manchmal hoch poppenden Sehnsüchte und mein früheres Ich. Denn noch vor 10 Jahren war ein Jahr ohne Fernreisen für mich absolut nicht denkbar. Und kaum war ich unterwegs, fing im Kopf bereits die Planung für den nächsten Trip statt.

Asien, Australien, Südamerika. Hauptsache Fernreise, weit weg und anders!

Ich wollte schließlich Abenteuer erleben, tolle Fotos schießen, exotische Dinge essen und schließlich zurück Zuhause etwas zu erzählen haben. Eines allerdings kann ich persönlich aus der Retrospektive sagen: Heute würde ich vieles anders machen! Und DAS sind nicht nur leere Worte.

Heute würde ich definitiv weniger reisen. Oder Halt: Ich würde weniger FERNreisen.

Warum? Weil die Folgen einer Flugreise oder einer Kreuzfahrt für unser Klima einfach untragbar sind. Punkt. Dagegen ernsthaft zu argumentieren wäre fast so als würde man behaupten der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen. Und dabei habe ich bislang die negativen Umweltfolgen vor Ort noch völlig außer Acht gelassen. Wir Urlauber haben nämlich Bedürfnisse. Jede Menge davon. Angefangen von der selbstverständlichen Klimaanlage, damit man bei der Hitze auch gut schlafen kann, über eine durchgehende Stromversorgung und Wifi, bis hin zu kalten Getränken, täglich frischen Laken und Essen wie Zuhause. Und damit meine ich nicht Sauerbraten und Schnitzel. ICH zum Beispiel fand die Käsepizza und den Frühstücksjoghurt auf der kleinen Insel im Indischen Ozean früher völlig normal. Und dass mir eben dort nie eine Milchkuh begegnet ist, hat mich damals irgendwie gar nicht in Grübeln gebracht.

Hhhmmmm. Erkennt sich hier noch jemand wieder? Selbst wenn man sich für nicht besonders pingelig und unkompliziert hält (was für mein Selbstbild auf jeden Fall zutrifft ;-)) müssen Einheimische den Standard vor Ort meist doch gewaltig verändern.

Die Menschen passen sich den Touristen an, nicht umgekehrt. Egal, wie viel Müll und Abwässer dabei entstehen und wie viel überlebenswichtiges Wasser und Energie dabei unwiederbringlich verloren gehen.

Hauptsache wir haben es kuschelig und kommen wieder.

Warum also das Ganze? Warum sind wir trotz all der negativen Aspekte so fest davon überzeugt, dass unsere heiß geliebten Fernreisen unser persönliches Grundrecht sind? Warum denken wir, eine kleine, reiche Minderheit auf dem Erdball, es sei absolut selbstverständlich unserem Klima so schaden zu dürfen, dass es dauerhafte und schwerwiegende Konsequenzen für ALLE hat?

Die Antwort darauf ist einfach: Es ist uns egal. Und spätestens JETZT wisst ihr, warum dieser Beitrag mit einer Entschuldigung begonnen hat. Ja! Ich meine nämlich uns ALLE!

Nachhaltigkeit und Klima sind uns beim Thema Fernreisen absolut wurst! Hauptsache wir haben Zuhause etwas zu erzählen.

Heldengeschichten von all den authentischen und individuellen Orten, die so gar nicht „touristisch“ waren. Von dieser süßen Streetfood-Bude, wo sonst nur Einheimische essen. Von den einsamen Stränden, an denen sonst NIEMAND war. Von all den geheimen Geheimtipps und den Menschen, die wir mit unserem Geld unterstützt haben… merkt ihr was? Ich habe diese Geschichten schon selbst erzählt. Und die Wahrheit ist, in den meisten Fällen ist das völliger Blödsinn. Am Ende erzählen wir alle doch das Gleiche und es geht einzig und allein um unser Ego und unseren Erlebnishunger.

Keine Angst ich will euch Fernreisen nicht verbieten. Ich will euch auch nicht den Spaß daran verderben, im Gegenteil.

Ich will, dass wir wieder den feinen Unterschied begreifen zwischen einem Bedürfnis, wie Essen, Schlafen oder Wohnen, und Wünschen nach etwas Besonderem.

Denn genau DAS sind Fernreisen. Ein riesengroßes Privileg, etwas ganz besonderes und etwas, dass man nicht einfach konsumiert nur weil man ein paar Tage frei hat und die Flüge billig waren. Jeder Flug und jede Kreuzfahrt haben Folgen. Selbst, wenn die nur schwer greifbar und (zumindest für uns Mitteleuropäer) noch nicht spürbar sind. Spätestens unsere Kinder, Enkel und Urenkel werden die volle Härte der Konsequenzen des Klimawandels zu spüren bekommen.

Müssen Fernreisen also wirklich einmal im Jahr sein? Oder gar mehrmals? Für uns definitiv nicht.

Und trotz dieser bewussten Entscheidung vermissen wir nichts. Jetzt verrate ich euch mal ein Geheimnis. Ein ganz persönliches. Ich war schon ziemlich viel unterwegs und habe einiges gesehen, aber im Bayerischen Wald oder an der Nordsee hab ich mich schon deutlich besser erholt als auf so mancher Fernreise. Und ich habe in wenigen Kilometern Entfernung schon wunderbare Erinnerungen und spannende Erfahrungen gesammelt. Ganz ohne lange und klimaschädliche Anreise.

Vielleicht werden wir irgendwann ja wieder in ein Flugzeug steigen um in den Urlaub zu fliege? Wer weiß? Einmal im Jahr wird das allerdings nicht mehr passieren. Und? Macht mich das nun traurig? Früher hätte ich sofort laut schniefend „JAAAAAA!“ geschrien. Heute bin ich einfach nur froh, dass alles ist wie es ist. Und ich bin glücklich darüber, nicht mehr so getrieben und endlich angekommen zu sein.

In diesem Sinne, gute Reise!?

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Pinterest-Pin: Fernreisen, Klimawandel und Nachhaltigkeit


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2 Kommentare bei „Fernreisen in Zeiten des Klimawandels – Geht das überhaupt noch?“

  1. Danke für diesen Artikel, er spricht mir aus der Seele, auch wenn ich persönlich nie so ein Fernreisenfan war. Aber Flüge, vor allem Inland und Europa, fanden in meinem früheren Leben viel zu häufig statt. Darauf verzichte ich inzwischen auch mit Freuden. Die vielen kleinen Gewohnheits-Fallen im Alltag finde ich schwerer zu überwinden, als ein eindeutiges „Nein“ bei Flugreisen. Da habe ich eine große Klarheit und das Gefühl, mit meiner Entscheidung wirklich einen Unterschied in meiner Konsumbilanz zu machen. LG Jitka

    1. Liebe Jitka,
      ich bin so froh über dein Feedback! Überhaupt bin ich begeistert über all die positiven Reaktionen zu dem Thema. Und wäre es nicht schön, wenn es auch in diesem Punkt endlich zu einem Umdenken käme ;-)? Unser Klima würde sich jedenfalls SEHR freuen.
      Alles Liebe
      Alex
      Alles

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